insel der hesperiden

 

zweiter tag: ich verwerfe den versuch, die insel mit einer karte zu erschliessen, lasse diese einfach im zimmer liegen, will ein augenmass für das gelände finden, die entfernungen fühlbar, begreifbar machen.

 

leben heisst, ein maß zu finden. und dieses maß ist der eigene körper.

 

die erste passhöhe. dann: pájara. meine oase an diesem tag. bäume hier 8-10 meter hoch und dichtes laub, sodass der kleine markplatz im schatten versunken liegt, wie eine stadt unter wasser; vielleicht kommt es mir auch deshalb so vor, als würde sich alles langsamer bewegen. in der mitte, eine alte kirche, ein brunnen gegenüber, ein esel, der an den fördermechanismus angebunden ist, ein einheimischer, der sich vornüber auf einen beschnitzten stock lehnt. ich greife nach der kamera, dann aber doch nicht.

 

worin liegt das varlangen, das hier festzuhalten?

 

 

ein paar meter neben mir eine britische reisegruppe samt führer. gerade, als sie sich von der kirche dem brunnen und dem esel zuwenden, kriegt dieser unvermittelt eine errektion, und die szene wird grotesk: eine hälfte der gruppe verdreht peinlich berührt ihre köpfe, die andere starrt mit unverhohlener neugier auf das armlange, erregierte glied, als wäre es etwas mystisches, wie ein stein, der vom wasser getragen wird, als steckte eine offenbarung darin, ein beweis.

 

in meiner fantasie fallen einige auf ihre knie und bekreuzigen sich.

 

 

(minuten später bricht es auf, und der platz ist wieder leer. erst jetzt bemerke ich ein schild: man muss geld in eine offene dose werfen, damit der esel den brunnen in gang setzt. alles staffage)

 

gestern heute unterwegs

 

warum suchen wir immer nach ähnlichkeiten im gegenüber? etwas woran wir uns festhalten können, festkrallen mit den blossen fingern. die welt vibriert, kollabiert bei 180 kilometer pro stunde. anthrazit die spiegelungen in den scheiben, monochrome flächen, stoff: materie. durst: warme getränke: 2.90, kalte: 2.80; happy hour: eine geisterstunde des glücks. in meiner tasche: das samtene weißbuch. du schreibst: wenn wir zusammen sind, wandere ich durch deinen körper wie gift, mit 180 stundenkilometer. ich sei karmin, gelagert in holzfässern; gereiftes arsen.

 

grau/blau uniformierte momente. weißer marmor fliesst vorbei; bäume aus harz, zahlen und namen ineinander verschoben…nichts woran man sich festhalten könnte, wie ein gesicht, das man aus dem augenwinkel sieht und sofort wieder vergisst. wir neigen uns um 90 grad; der horizont, der äquator: die grenze der gegenwart.

 

wir brechen die zeit wie ein brot, mit den blossen fingern…

 

auf den strassen von

ich träumte von einem haus; im silbergrauen sharan; im hyundai auf dem highway von washington nach…; im kobalt-blauen golf, auf den verstaubten strassen von zypern. das seltsame ‚pi-au pi-au‘ der vögel dort (deren namen ich bis heute noch nicht weiss). unser sterbliches zelt in der nacht, wir wachten auf: der himmel drehte sich wie eine hohle hand und fiel auf die küste: stunden in dennen wir dachten, wir müssten ertrinken…

 

einmal (erzähle ich dir) bauen wir uns ein haus, für immer. und der einzige grund es zu verlassen werden die tiefen des weltraums sein, die sintflut, lebendiges gestein, schwarz und dickflüssig, mit all den jahrmilliarden darin. einmal, hast du gesagt, einmal…

 

heute: 30 kilometer südlich von EL GOLFO und 30 minuten nachdem du auf dem beifahrersitz eingeschlafen bist, bleibt die stimme im radio. nördlich von uns: orion – taurus – auriga, welche die erdkrümmung verschluckt. die lichter der autobahn: spiegelungen in einem dunklen meer. keine leuchtreklamen am strassenrand, keine anzeichen einer restzivillisation. das wasser ist nicht mehr zu sehen, auch du nicht: allein unsere stimmen, die uns weisszumachen versuchen, wir seien noch da…