gestern heute unterwegs

 

warum suchen wir immer nach ähnlichkeiten im gegenüber? etwas woran wir uns festhalten können, festkrallen mit den blossen fingern. die welt vibriert, kollabiert bei 180 kilometer pro stunde. anthrazit die spiegelungen in den scheiben, monochrome flächen, stoff: materie. durst: warme getränke: 2.90, kalte: 2.80; happy hour: eine geisterstunde des glücks. in meiner tasche: das samtene weißbuch. du schreibst: wenn wir zusammen sind, wandere ich durch deinen körper wie gift, mit 180 stundenkilometer. ich sei karmin, gelagert in holzfässern; gereiftes arsen.

 

grau/blau uniformierte momente. weißer marmor fliesst vorbei; bäume aus harz, zahlen und namen ineinander verschoben…nichts woran man sich festhalten könnte, wie ein gesicht, das man aus dem augenwinkel sieht und sofort wieder vergisst. wir neigen uns um 90 grad; der horizont, der äquator: die grenze der gegenwart.

 

wir brechen die zeit wie ein brot, mit den blossen fingern…

 

auf den strassen von

ich träumte von einem haus; im silbergrauen sharan; im hyundai auf dem highway von washington nach…; im kobalt-blauen golf, auf den verstaubten strassen von zypern. das seltsame ‚pi-au pi-au‘ der vögel dort (deren namen ich bis heute noch nicht weiss). unser sterbliches zelt in der nacht, wir wachten auf: der himmel drehte sich wie eine hohle hand und fiel auf die küste: stunden in dennen wir dachten, wir müssten ertrinken…

 

einmal (erzähle ich dir) bauen wir uns ein haus, für immer. und der einzige grund es zu verlassen werden die tiefen des weltraums sein, die sintflut, lebendiges gestein, schwarz und dickflüssig, mit all den jahrmilliarden darin. einmal, hast du gesagt, einmal…

 

heute: 30 kilometer südlich von EL GOLFO und 30 minuten nachdem du auf dem beifahrersitz eingeschlafen bist, bleibt die stimme im radio. nördlich von uns: orion – taurus – auriga, welche die erdkrümmung verschluckt. die lichter der autobahn: spiegelungen in einem dunklen meer. keine leuchtreklamen am strassenrand, keine anzeichen einer restzivillisation. das wasser ist nicht mehr zu sehen, auch du nicht: allein unsere stimmen, die uns weisszumachen versuchen, wir seien noch da…

 

metasprache

das auto springt an (beim dritten versuch). der grieche, der einmal brite war, grinst uns im rückspiegel hinterher. du summst wonderwall im halbschlaf: eine wellenbewegung, die irgendwo unter meiner wirbelsäule beginnt. ich sehe dich, deinen atem, und etwas zwischen uns: galaxiehaufen, sternencluster, die rotverschiebung, all das spiegelt sich in den beschlagenen scheiben…

wir wachen auf. 4 uhr morgens, kälte liegt uns tief in den lungen, um mitternacht die letzte schleuse passiert: tegel, münchen, madrid. es sind all diese namen: du legst deine blosse handfläche mir in den nacken: etwas das zwischen den rippen liegt…knochen, die an ihren platz rücken, wie gletscher…

 

nachgedanken

 

ich sehe dich einmal im zug, jahre später (wieviele?), wie du einsteigst, am enderen ende des wagens. deine haare kürzer, wie damals. beim nächsten halt stehe ich auf, gehe die sitzreihen entlang, graue stoffbezüge; dichtes fell unter meinen fingern. ich stelle mir den moment vor: ich stehe vor dir, dein gesicht offen, etwas in den augen, das sucht, und dann die lautsprechanlage…
 

verlorene fragmente: schwarzer basalt, beim aufstieg rutscht einem der fuss ab, die überreste einer anderen welt, alles in den schuhen. weisses moos, kalk, kleine büsche, an den wir uns hochziehen. die stille oben dann, der wind, der uns den atem nimmt, das hemd vom körper schält und trotzdem, deine hand: die innenseite einer muschel, dunkler um die augen. wie soll man etwas beschreiben, dass man nicht vollständig begreift, nur aufnimmt? der körper ein schwamm in diesen momenten, löschpapier. wo anfangen, bei der materie? aber aus welcher art materie bestehen erinnerungen?

 

so stehe ich da, mund offen, die stimme aus dem lautsprecher längst verklungen, und merke erst jetzt, dass es nicht du bist, die mich überrascht anschaut, es sind nicht deine hände, gelenke auf die ich starre…

 

an der sehne des wassers

wochen später: verkrustete seiten. der schorf an meinen händen, am lenkrad, am abend: lake michigan. ein steg aus betonplatten führt in einen see hinaus. gischt, links und rechts, und auch der wind. der wind…

kein anderer mensch weit und breit. das wasser kalt: nach ein paar meter spüre ich meine füsse nicht mehr. ich habe schuhe, socken, die kamera in die jacke gewickelt und trage sie vor mir her. es ist sieben uhr abends, als ich die spitze erreiche.

ich bilde mir den salzgeruch ein, wie alles hier. hinter mir: fussabdrücke auf dem nassen stein, auf den stahlplatten vor mir. ich sollte einen brief schreiben, eine nachricht an jemanden, dass es mir gut geht, dass es geht…aber wohin?

 

der see ~ die see

 

von lemont nach chicago

ich lege mich an die zeit; ein bruchteil der menge. ein jeder schafft sich seine eigene fata morgana, auch hier. wie fische, welche sich eine unsichtbare schutzhülle schaffen (aus fett und anderen ablagerungen). sobald sie dann beschädigt, durchdrungen wird, sterben diese, auch tage später – einfach so, selbst wenn man sie wieder ins wasser wirft…

woher also dieser unhaltbare drang zur nähe, körperlichkeit?

endlich: the skyline of chicago. cicero. die menschen in schatten. parkplatzglanz, die luft mit laternen gefüllt: ocker, selbst tagsüber. wellblechfassaden, mehr noch…

auch hier denke ich an dich: du neben mir, deine fahle haut, dein blick durch den trüben kunststoff: du willst mir etwas sagen, aber… deine stimme wie unter tonnen von wasser. begraben unter all den anderen erinnerungen.

wir sind beinahe da…