nachgedanken

 

ich sehe dich einmal im zug, jahre später (wieviele?), wie du einsteigst, am enderen ende des wagens. deine haare kürzer, wie damals. beim nächsten halt stehe ich auf, gehe die sitzreihen entlang, graue stoffbezüge; dichtes fell unter meinen fingern. ich stelle mir den moment vor: ich stehe vor dir, dein gesicht offen, etwas in den augen, das sucht, und dann die lautsprechanlage…
 

verlorene fragmente: schwarzer basalt, beim aufstieg rutscht einem der fuss ab, die überreste einer anderen welt, alles in den schuhen. weisses moos, kalk, kleine büsche, an den wir uns hochziehen. die stille oben dann, der wind, der uns den atem nimmt, das hemd vom körper schält und trotzdem, deine hand: die innenseite einer muschel, dunkler um die augen. wie soll man etwas beschreiben, dass man nicht vollständig begreift, nur aufnimmt? der körper ein schwamm in diesen momenten, löschpapier. wo anfangen, bei der materie? aber aus welcher art materie bestehen erinnerungen?

 

so stehe ich da, mund offen, die stimme aus dem lautsprecher längst verklungen, und merke erst jetzt, dass es nicht du bist, die mich überrascht anschaut, es sind nicht deine hände, gelenke auf die ich starre…

 

an der sehne des wassers

wochen später: verkrustete seiten. der schorf an meinen händen, am lenkrad, am abend: lake michigan. ein steg aus betonplatten führt in einen see hinaus. gischt, links und rechts, und auch der wind. der wind…

kein anderer mensch weit und breit. das wasser kalt: nach ein paar meter spüre ich meine füsse nicht mehr. ich habe schuhe, socken, die kamera in die jacke gewickelt und trage sie vor mir her. es ist sieben uhr abends, als ich die spitze erreiche.

ich bilde mir den salzgeruch ein, wie alles hier. hinter mir: fussabdrücke auf dem nassen stein, auf den stahlplatten vor mir. ich sollte einen brief schreiben, eine nachricht an jemanden, dass es mir gut geht, dass es geht…aber wohin?

 

der see ~ die see

 

von lemont nach chicago

ich lege mich an die zeit; ein bruchteil der menge. ein jeder schafft sich seine eigene fata morgana, auch hier. wie fische, welche sich eine unsichtbare schutzhülle schaffen (aus fett und anderen ablagerungen). sobald sie dann beschädigt, durchdrungen wird, sterben diese, auch tage später – einfach so, selbst wenn man sie wieder ins wasser wirft…

woher also dieser unhaltbare drang zur nähe, körperlichkeit?

endlich: the skyline of chicago. cicero. die menschen in schatten. parkplatzglanz, die luft mit laternen gefüllt: ocker, selbst tagsüber. wellblechfassaden, mehr noch…

auch hier denke ich an dich: du neben mir, deine fahle haut, dein blick durch den trüben kunststoff: du willst mir etwas sagen, aber… deine stimme wie unter tonnen von wasser. begraben unter all den anderen erinnerungen.

wir sind beinahe da…

 

der endlose raum

türkis, die sitze. kunstleder. die gesichter um mich; aus plastik, die augen. ich greife mir in die innere brusttasche, ein photo darin…

smaragdfarbenes licht. eine disneyferfilmung. hinter der plexiglasscheibe: eine spielzeugstadt nach der anderen. häuser aus organischem polymer: wenn man mit dem finger draufdrückt, sind sie weich, als könnte man durch sie hindurch in eine andere welt fallen (ist das der grosse traum?). tornados gibt es hier nicht, nur die allgegenwärtige kriese. jeder versteckt sich hier im plastik-eigenheim fühlt sich geborgen. wie im bauch eines wals.

the american way? wo? und wohin?

endlose züge. die leere reicht da nicht aus um all das…

next stop riverside

 

schnittmengen, wir

die nacht im nacken: ein tintenfleck auf dem plasmaschirm: bogenminuten auf dem handrücken.

bei der landung dann, ziehst du die blende runter (warum, frage ich nicht) auf deinen nägeln noch reste von blau, kobalt…

unter uns: ströme aus flüssigem kupfer, sand welcher das sonnenlicht in einem bestimmten winkel…

nur ein bruchteil dessen…

 

in bewegung daheim

auf der rückfahrt die gleichen artikel: eine brille auf dem tisch. die finger rauer, die fingernägel kurz. greifbare dinge, zahlen: ice 1552 – 19:27; gleis 3; nummer 050511; bis zu 50 prozent rabatt auf den normalpreis… ein blauer pullover, gebraucht, ein anderer tag: ich schreibe dir von lang, lang her. mein muezzin gesang aus einem weiss-rotem minarett. auf dem tisch auch: brotkrummen, wer sass hier vor mir? auf meinem platz, zurückgelehnt vielleicht, in erwartung, oder enttäuscht. das gleiche licht im fenster, gezogen wie überlandleitungen: zwei parallelen schneiden sich nie, auch nicht im unendlichen. der soundtrack von THE FOUNTAIN; die narbe an meinem knöchel, der blick gegenüber; wochen, monate, der zug derselbe vielleicht. das selbe nicht rauchen schild. atome, moleküle ausgeatmet, einmal: wir leben auf einer geraden…

 

minarett: vom türkischen minare ein

lehnwort aus dem arabischen: mamāra:

leuchtturm, oder wörtlich: ort des lichts

 

die hand neben mir im gras

stunden später: nur noch du und ich am wasser sitztend, irgendwann hebe ich meine arme hoch über den kopf, selbst erstaunt über die einfache geste: die hochgekrempelten hosen haben auf den innenseiten, an den armbeugen einen abdruckt in der haut hinterlassen, beinahe eine perfekte welle.

 

ich frage mich ob es ein unbewusst gewähltes muster ist, oder welchen einfluss ich sonnst darauf hatte; die art die hose hochzukrempeln, der winkel meiner beine beim sitzten…

dir würde wahrscheinlich eine passende analogie einfallen, aber als ich mich zu dir umdrehe, bist du nirgends zu sehen…